Ewger Seeliger - Provokateur der Menschlichkeit

von Max Heigl (1987/2019)

Sein Leben lang war er unterwegs, in der Heimat oder auf dem Erdball oder im Reich der schöpferischen Fantasie, und noch mit achtzig machte er sich auf den beschwerlichen Weg zur Gründung einer „Paradies-Aktiengesellschaft“, um seine unveröffentlichten Werke herauszugeben und eine Gesamtausgabe zu veranstalten. Und an der „Entfesselung eines humoristischen Weltskandals“ sowie an der huldvollen Entgegennahme des Friedens- und des Literatur-Nobelpreises hinderte ihn nur der humorlose Tod, nichts sonst. Mitten im Planen und Organisieren warf ein unglücklicher Sturz den unablässigen Tüftler und Projektierer aufs Krankenbett, und am 8. Juni 1959 ging er so gelassen und friedlich aus der Welt, wie ihn die Chamer in den Jahren 1940 bis 1959 als Mitbürger gekannt hatten.

 Roman der Machtmagie

Dabei war er zeitlebens ein Umtreiber gewesen und ein Umgetriebener, dem fast nichts fremd geblieben war, weder Welt noch Menschen, weder Höhen noch Tiefen in Beruf und Privatleben, weder Triumph noch Krise – er kannte sie und er stand sie durch mit seinem Lebensmotto, das er sich von seinem lebensklugen Vater abgeschaut hatte: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider sich“. MESSIAS HUMOR heißt deshalb konsequenterweise auch der umfangreiche, im Original aber nur bruchstückhaft erhaltene und erst 2006 im Druck erschienene autobiographische Roman der Machtmagie, und allen Mächtigen hielt er allzeit sein hexenmeisterliches Allheilpostulat entgegen: Entweder mitlachen oder abstinken!

Die Chamer haben ihn in den fünfziger Jahren, wenn er nicht gerade hinter der Schreibmaschine saß oder sich mit störrischen Verlegern abplagte, bedachtsam durch die Straßen von Cham wandeln sehen, stets mit heiter-weisem Lächeln und fast nie ohne Mantel und Hut, die Tasche voller Schokoladerippchen, die er an jeden verteilte, der ins Gespräch mit ihm kam. Freigebig mit Bescheidenem, großzügig, wo immer es ihm möglich war, verschwenderisch im Überfluß; dabei hatte er oft gerade das Nötigste zum Leben, denn dem Bestsellerautor Ewald Gerhard Seeliger war von Ruhm und Millionenauflagen aus der Zeit der zwanziger Jahre nichts geblieben.

Das „Tritte-Reich“ hatte seine literarische Existenz vernichtet. Ein Schicksal in Deutschland, wie es wohl viele gab; aber nicht alle, die es teilten, waren Persönlichkeiten wie er:

„Seeliger, Ewald Gerhard (abgekürzt Ewger), der allergewöhnlichste Mensch, der denkbar gemeinste, lächerlichste, lustigste Kerl, der richtig verrückte Dichter, der allervergnügteste Wahrheitssucher, -zusammenfinder, -aufschreiber und -sprecher, der vorderlistigste Rathauer, der seine neugierige Nase in jeden Dreck steckende Selbstversorger, der sich um alles kümmernde und darum kummerfreieste aller Vorausdenker, der denkbar aufrichtigste Freund aller Menschen und Unmenschen, der allererste Allerhöchstverräter, der Seelennichthirt, der Seeunräuber, der Zweihänder ohne Widerspruch.“[1]

Oder wie Hans Wollschläger ihn nennt:

...ein Feuerreiter der Aufklärung“.[2]

Früher Alternativer

Die heutige Generation kennt ihn nicht mehr, auch nicht in Cham, denn als vor einem Jahr (1986) sein Handbuch des Schwindels als Taschenbuch wieder erschien, wurde es in dortigen Buchhandlungen nur knapp ein dutzendmal gekauft. Während kluge Köpfe, sogar an in- und ausländischen Universitäten (Essen, Berlin, Paris u. A.) ihn sogleich als ihresgleichen erkannten, galt der Prophet im eigenen Lande nichts, wie üblich. Vor etwa fünfundneunzig Jahren hatte er sich vom Massenpublikum und dessen damaligem Hurrah-Patriotismus abgewandt und sich der unbedingten Individualexistenz verschrieben, quer zum und wider den Strom der Horden. Seitdem sind es in der Tat nur wenige, die sich mit seiner auch heute noch aufregend-unbequemen Gedankenwelt identifizieren mögen und, wie er, den engen Straßengraben der breiten Chaussee vorziehen. Ein autonomer Geist, ein früher Alternativer, ein rigoroser Aussteiger, ein „Richtigdenker“ und „Hominidissimus“, ein Störenfried im gutgeschmierten landläufigen Uni- und Konformitätsbetrieb des Massenzeitalters!

In Cham lebte Seeliger zuerst bei den Verwandten seiner Schwiegertochter, der Familie Heller in Janahof, und zog nach dem Tod seiner Frau 1952 in die Schuegrafstraße; dort durfte ich ihn 1958 anläßlich der Uraufführung des fünften Peter-Voß-Films (mit O. W. Fischer) kennenlernen.

Haudegen des Humors

Bereitwillig erzählte er stundenlang aus seinem Leben, von seinen Plänen, zeigte Reihen von Manuskriptordnern, deren größter Teil jedoch beim Umzug nach seinem unverhofften Tod verschollen ist. Die Gespräche, stets befeuchtet und befeuert vom extra süßen Kirschlikör, ließen wie ein Puzzle ein Leben entstehen, das mit seiner nunmehrigen zurückgezogenen Existenz so gar nicht zusammenstimmen wollte: ein Provokateur der Menschlichkeit, ein schlitzohriger Schalksbeutel und ernsthafter Zukunftsverdeutlicher, ein „Welteidgenosse“ und in die deutsche Muttersprache Vernarrter, ein kämpferischer Pazifist und radikaler „Friedenshetzer“, ein Haudegen des Humors und sturmdrangträchtiger Stoffwechsler, der „Richtige Liebe Gott“, der „Alte Hexenmeister“ und die Reinkarnation Goethes, der wiedergekehrte Messias, das Lamm, und was immer er für Mystifikationen für sich in Anspruch nahm, um damit seine Zeitgenossen zu verwirren und mit hinter künftigem Schmunzeln an der Nase herumzuführen.

Dieses Leben begann am 11. Oktober 1877 in Rathau bei Brieg in Schlesien. Ewald Gerhard Hartmann Seeliger wuchs auf als zweites von vier Kindern eines goetheverliebten, mozartverehrenden bienenzüchtenden Lehrers. Dieser „goethliche keimplasmatische Vater“ war ein hochgebildeter, vielseitig interessierter und liberal denkender und handelnder Mensch, der bis zu seinem Tod einen wohltuenden, tief prägenden Einfluß auf den Sohn ausübte. Diese harmonische Beziehung gab entscheidende Impulse für die große Wende in Seeligers Leben und literarischer Entwicklung in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Für kurze Zeit: Lehrer

Den ursprünglichen Plan, seinem Vater im Beruf zu folgen, hielt der früh zum Unabhängig-Schöpferischen neigende Junglehrer nicht lange aufrecht, und als sich nach Ausbildung und Dienstantritt mit kleinen Prosastücken (Aus der Schule geplaudert und Leute vom Lande) und mit Mandus Frixens erste Reise sowie Hamburg. Ein Buch Balladen Größeres ankündigte, kam er einem von der Hamburger Oberschulbehörde angestrebten Disziplinarverfahren zuvor und wechselte aus der Sicherheit des Beamtendaseins in die Abenteuerexistenz eines freien Schriftstellers.

Die Ursachen für die beamtenrechtliche Maßnahme sind sehr verwickelt, und deren Schilderung würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen; in Kürze gesagt: Der Junglehrer nahm sich aus nachvollziehbaren Gründen einige Ferientage zu früh frei; nach Schriftwechsel zwischen ihm und der vorgesetzten Behörde zeigte er sich im Vernehmungsgespräch (1906) in so unerhörtem Maße selbstbewußt, daß er es mit den Worten: „Ich schließe die Sitzung“ beendete und grußlos den Raum verließ. Tags darauf teilte er schriftlich der Schulbehörde mit, daß er „den Staat aus meinen Diensten entlasse“.[3] Überdies hatten die Tantiemen seiner Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften und seiner Bücher inzwischen sein Beamtengehalt längst weit überstiegen, und er war in kurzer Zeit zu einer anerkannten Figur in Hamburgs literarischer Szene geworden.

Die Ehe mit der Fondsmakler- und Senatorentochter Rosalie Kohn verschaffte ihm nicht nur 1902 den „eingeborenen Sohn“ Heinz Wolfram, sondern auch manche einflußreiche Bekanntschaft, wie z.B. den Sozialistenführer August Bebel, auf dessen Empfehlung hin Seeliger eine sichere Kandidatur für den Reichstag hätte haben können; er lehnte jedoch diese parteipolitische Einbindung der geistigen Unabhängigkeit zuliebe ab und suchte seinen kritischen Ort „nicht in, sondern über den Horden“.

Riesen-Auflagen

Seeliger begann jetzt regelrecht Bücher zu produzieren, erzielte Riesenauflagen und gewann Preise, z.B. die Goldmedaille der Stadt Hamburg für den Band Hamburg. Ein Buch Balladen und den ersten Preis von 3000 Reichsmark im Preisausschreiben der Scharlachen „Woche“ für seine Ballade Der Gonger. Seine aus persönlicher Detailkenntnis reich gespeisten kulturgeschichtlichen Erzählungen, Schwänke, Balladen und Theaterstücke machten ihn in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der meistgelesenen Autoren in Deutschland. Dabei standen seine „Superseller“ noch bevor und kündigten sich mit dem ersten „Weltroman“ Der Schrecken der Völker (1908) an, einer Weltfriedensvision, in der mit Hilfe einer wasserstoffbombenähnlichen Waffe alle Kriegsflotten der Welt zerstört werden, auf daß der Weltfriede möglich werde.

Aufstieg zum Publikumsliebling

1911 kam auf recht skurrile Weise sein Welterfolg Peter Voß, der Millionendieb zustande. Ein kurioser Auftrag eines Berliner Kolportage-Verlegers forderte innerhalb von vier Wochen drei Trivialtexte: einen Kriminalroman ohne Leiche, eine Justizirrtumsgeschichte und eine irgendwie exotische Abenteuerstory. Unter dem sanften Druck von Gattin und Verlegervorschuß machte Seeliger sich ans Werk, der Auftraggeber verstarb, der Vertrag wurde zurückgezogen, aber Seeliger mochte das Geleistete nicht umsonst getan haben und brachte es beim renommierten Ullstein-Verlag unter. 1913 erschienen die drei Romane Max Doberwitz, der Tantenmörder, Das Paradies der Verbrecher und Peter Voß, der Millionendieb; dazu gesellte sich im gleichen Jahr Das amerikanische Duell mit einigen Hunderttausend Auflage. Seeliger war endgültig zum Bestsellerautor und Publikumsliebling aufgestiegen, war häufig auf Reisen, sammelte Ansichten und Einsichten, lernte Länder und Menschen kennen, studierte das Getriebe der Welt in allen seinen Facetten und begann, es kritisch zu analysieren.

Radikale Wandlung

In der hochexplosiven Atmosphäre der beiden Vorkriegsjahre geschah Seeligers radikale Wandlung vom unterkühlt moralisierenden Literatur-Großproduzenten zum scharfzüngigen Sezierer von Staat und Gesellschaft, zum unbestechlichen Analytiker menschlicher Torheit, zum bekennerhaften Pazifisten und „Welteidgenossen“, zum ätzenden Satiriker und unerbittlichen Streiter wider alle Obrigkeitsfaxen. Ein intimes Gespräch mit dem Vater warnte ihn vor der „goldenen Kette des Lieblingsautors der Massen“, Bekanntschaften mit bedeutenden Denkern wie Franz Oppenheimer, Fritz Mauthner u. A. sowie sein angeborener Scharfblick für zweihafte Zeiterscheinungen, die auf die Kriegskatastrophe zusteuerten, bewirkten die ebenso tiefgreifende wie irreversible Konversion Seeligers. Neben Filmarbeiten am Peter Voß (1913), Bearbeitungen dieses Stoffes als Revue und als Komödie, weiteren Brotarbeiten für Verlage, Zeitungen und Bühnen entstand als Frucht seiner Freundschaft mit dem Blankeneser Nachbarn Richard Dehmel der Plan für ein gemeinsames Buch, das mit dem „sturzreifen klassischen Bildungsideal“ abrechnen sollte: das Handbuch des Schwindels, das Skandalbuch des Jahres 1922.

Die Kriegsjahre

Zunächst aber kam der Erste Weltkrieg, und Seeliger brachte es mit viel Schlitzohrigkeit zuwege, daß er zwar dem Ruf des Vaterlandes folgte, aber zu keinem Zeitpunkt des Mordspektakels und der Massenschlächterei Kriegsdienst mit der Waffe zu leisten hatte; er verbrachte die vier Kriegsjahre als „Friedensberichterstatter“ für die Vossische Zeitung, als Verwaltungsschreiber auf Norderney, als kultureller Truppenbetreuer und Bibliothekswart, als Mitglied einer Schiffsbesichtigungskommission und der Marine-Proviant-Organisation Hamburg, als Bewacher der Kasernen-Arrestanstalt in Wilhelmshaven und zuletzt als Fahrscheinaussteller im Marine-Transportbüro, also durchwegs recht pazifistengemäß, und er jubelte der kriegsbesoffenen Nation mitten im Kriegsjahr 1916 im Auftrag des Ullstein-Verlags sogar -einen „pazifisch und pazifistisch durchtarnten Kriegsroman“ in Riesenauflage unter, ohne daß die säbelrasselnden Chauvinisten das Kuckucksei Der gelbe Seedieb erkannten.

Nebenbei fand er in den geruhsamen Dienststunden reichlich Muße, einige seiner besten Bücher hervorzubringen: Die Abenteuer der vielgeliebten Falsette und Junker Schlörks tolle Liebesfahrt. Problemlos und ruhigen Gewissens konnte der Pazifist und Welteidgenosse Seeliger über Kriegsende und Revolution hinweg in die hoffnungsfrohe neue Zeit hineingehen, er hatte nichts zu bewältigen und wollte am Aufbau einer neuen Menschheit mitwirken, als „Richtigdenker und Richtigdichter“, wie er sich von nun an – zu Recht – immer häufiger zu nennen liebte.

Da kamen schockweise die Enttäuschungen der Nachkriegszeit und desillusionierten den frohgemuten Utopisten und Visionär so gründlich, daß sein Optimismus sich in Kürze in Aggressivität und Sarkasmus verkehrte gegen die immer unverblümter auftrumpfenden Schwindelelemente der Reaktion in Staat und Gesellschaft.

Die Auflagen seiner Bücher waren nach dem Krieg nicht geschrumpft, Seeligers Ruhm als beliebter Modeautor war beim Publikum ungebrochen. Er selbst aber hatte sich gewandelt.

Ein Anderer geworden

Als er bemerkte, wie nach der Kriegskatastrophe die Dinge in die alten Bahnen einzuschwenken begannen und die Ewiggestrigen allenthalben die Keime nicht für ein Friedenszeitalter, sondern für neue Massenmordspektakel legten, da wurde der amüsante Erzählplauderer und Sprachkünstler zum rabiaten Polemiker und Pamphletisten. Der schlesische Wahlhanseat suchte den Raum, wo er die Zeichen der drohenden Rückwärtsentwicklung am deutlichsten zu erkennen glaubte: er ging 1920 nach „Weißblaurauschistan“, kaufte von den inflationsgefährdeten Reichsmarkersparnissen in Walchensee das Sommerhaus AVALUN und nahm sich vor, „den bayerischen Löwen gehörig am Schwanz zu ziehen und ihm ein paar gordische Knoten hineinzuknüpfen“.

Richard Dehmels Tod machte ihn 1921 zum Alleinautor des gemeinsam geplanten Vehikels, mit dem Seeliger sein erstes sogenanntes Hominidissimus-Experiment in Gang setzen wollte. Er gründete mit Freunden den Weltbücherverlag in München und erstellte mit vier neuen Titeln das Fundament für sein „Enthordnungs­spektakel“. Als Vorspiel erschien Die Zerstörung der Liebe, ein kämpferischer Roman gegen die französischen Rachegeister des Versailler Friedensdiktates, und dann kamen die drei Bücher, die zusammen als eine Trilogie der Entschwindelung gelten können: Die Diva und der Diamant, Das Handbuch des Schwindels und Die Entjungferung der Welt. Alle drei erschienen im ominösen Jahr 1922. In diesem Jahr begannen in Europa, im Reich, in Bayern und in München Entwicklungen sich anzubahnen oder auf Höhepunkte zuzustreben, deren Folgen zum Zustandekommen des Zweiten Weltkrieges und unserer gegenwärtigen Weltsituation Entscheidendes beitrugen: Die Etablierung der sowjetischen Schwindeldemokratie, Mussolinis Faschismuszauber in Italien, Frankreichs fadenscheinige Faustpfandpolitik im Ruhrgebiet als Ausfluß der Versailler Kriegsschuldlüge, die innerdeutschen Schwindelvokabeln Dolchstoß, Novemberverbrecher und Erfüllungspolitiker, politische Morde ohne juristische Ahndung, die galoppierende Inflation, die Geburt der „Ordnungszelle Bayern“ durch den schwindelpolitischen Rechtsruck der bayerischen Staatsregierung unter Kahr, die Saal- und Straßenschlachten, Schwarzhandel und Wirtschaftskriminalität – ein wahres Schwindelkaleidoskop mit München als einem der Zentren.

Noch heute verboten

Eben dorthinein in diese schwarzbraun vergiftete Atmosphäre der sterbenden Liberalitas Bavariae bugsierte Seeliger sein Handbuch des Schwindels und erreichte, was er bezweckt hatte: es wurde beschlagnahmt, eingezogen und verboten – und das war es offiziell, laut Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek München, noch bis mindestens 1987, dem ersten Erscheinen der vorliegenden Abhandlung[4]. Der merkwürdige Zweck, den Seeliger mit dem Buch verfolgte, nämlich die Beschlagnah­me, erklärt sich so: Der Verfasser wollte den scheindemokratischen Machtstaat herausfordern zu verfassungswidrigen Reaktionen gegen eine praktizierte Denk-, Meinungs- und Publikationsfreiheit, wie sie theoretisch in der Verfassung garantiert war.

Dieses Erste Hominidissimus-Experiment sollte zeigen, wie schnell und aus welch fadenscheinigen Gründen der Obrigkeitsstaat einen unbequemen Staatsbürger ins Gefängnis oder in die Psychiatrie steckt; er wollte einen Gerichtssaal als Forum für seinen Appell ans Weltgewissen und zur Verkündigung seiner welteidgenössischen Friedensidee; er wollte beweisen, daß Zivilcourage und autonomes Denken eines schöpferischen Individuums der massiven kollektiven Staatsgewalt letztlich überlegen sind; er wollte den ultrapfiffigen Gedanken publik machen, daß man mit Hilfe des § 51 (Unzurechnungsfähigkeit) steuerunfähig ist und auf diese Weise dem Staat die Finanzmittel entziehen kann, mit denen er Waffen für den nächsten Krieg produziert; und schließlich wollte er bewußt den „Jagdschein“ zugesprochen bekommen, um um für alle Zeit straf- und narrenfrei zu werden im sicheren Bewußtsein, daß die wirklichen Narren die anderen sind.

Diagnose „Hypomanie“

Sein Plan ging voll auf: es erfolgten Razzien, Beschlagnahme, Anklage wegen Gotteslästerung, Religionsbeschimpfung und Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz (obwohl dieses erst nach Erscheinen des Handbuchs verabschiedet wurde), Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Haar für sechs Wochen, eine anstaltsinterne Schwejkiade durch den alles mitschreibenden Patienten, die Diagnose „Hypomanie“ mit der Zuerkennung des ersehnten § 51 und schließlich die Entlassung.

Das gerichtliche Verfahren zog sich über drei Jahre hin, endete nach einigen grotesken Blamageszenen für „Juxtiz“ und Bürokratie in einem sogenannten Objektiven Verfahren gegen das Handbuch und mit einem generellen Freispruch der beteiligten Personen. Verurteilt wurde das Buch – nämlich zur „Unbrauchbarmachung der Herstellungsmaterialien“ und zur Einziehung aller greifbaren gedruckten Exemplare.

Ein Menschenfreund

Seeliger war mit dem Ergebnis zufrieden, wandte sich neuen Themen und Projekten zu, reiste viel, hatte reichlich zu tun mit dem Management seiner weltweit verbreiteten Bücher und führte ein großes Haus, im Sommer in Walchensee und im Winter in Hamburg. Die Einnahmen aus seiner schriftstellerischen Arbeit erlaubten ihm einen fast luxuriösen Lebensstil mit Hauspersonal (Haushälterin und Gärtner), aber auch eine liebenswerte Großzügigkeit gegenüber denen, die weniger gut gestellt waren. Der Menschenfreund Seeliger lebte so, wie er es in seinen Büchern seit Kriegsende propagiert hatte: das Leben genießen und andere so weit wie möglich daran beteiligen. Denken, Schreiben und Leben deckten sich bei diesem staatlich beglaubigten „Irren“ wie bei wenigen seiner „normalen“ Kollegen. Wen wundert es, daß die allmählich heraufziehende braune Hordenbewegung seinen entschiedenen Widerstand wachrufen mußte? Schon vor der „Machtvergreifung“ Hitlers publizierte Seeliger mit Hilfe von Freunden in Berlin eine bitterböse Parodie auf das Horst-Wessel-Lied: Das Geheul nach dem Heil, und am 1. Mai 1933 erfolgte der erste Zusammenstoß mit den walchenseer Nazigrößen aus Anlaß des beflaggungspflichtigen „Tages der deutschen Arbeit“. Seeliger flaggte an der Gartenpforte ein winziges Fähnchen aus braunem Packpapier mit einer Spottschrift auf die Parteispitzen des Dorfes:

„Hier wohnt der deutschlichste aller Dichter, der imstande ist, jedwede Frage, auch die allerverzwickteste, exakt allwissenschaftlich zu beantworten. Zauberlehrlinge und solche, die es werden wollen, werden bevorzugt und besonders liebevoll behandelt. Denunzianten werden der Weltlächerlichkeit überliefert. Kaffeesieder[5] und anderweitig heißgelaufene Stoffwechsler werden zwecks Hebung des Fremdenverkehrs gratis gekühlt und können sich dann wieder packen. Hilfspolizisten brauchen nur zu erscheinen, wenn sie von mir zur Hilfeleistung gerufen werden.

Welteidgenossenschaftsenklave Avalun, den 1. Mai 1933. Gez. Ewger Seeliger, nichtsozialistischer, nichtkommunistischer, nichtkatholischer, nichtprotestantischer, nichtjüdischer und nichtantisemitischer Indogermane.“

Possenszenen vor der uniformierten Staatsvergewalt folgten, Schutzhaftbefehl, erneute Schwejkiade im Amtsgericht Bad Tölz, und schließlich auch diesmal wieder die Entlassung des unbeugsamen Eulenspiegels. Erneut kapitulierte das Gewaltmonopol gegenüber einem pfiffigen, couragierten Selbstdenker. Vor dem Zugriff der gesetzfrei handelnden Staatselemente wie Gestapo und SS konnte er sich aber nur durch zeitweilige Flucht in die Schweiz retten. Haus Avalun verkaufte er und deponierte das Inventar mit Büchern und Manuskripten bei seinem Sohn in Cham/Oberpfalz. Seeligers Zweites Hominidissimus-Experiment war, aus seiner Perspektive gesehen, nun ebenfalls geglückt.

1940: Umzug nach Cham

Wenige Monate später kehrte er mit Hilfe von befreundeten, in Gestapo-Uniform verkappten heimlichen Widerständlern nach Hamburg zurück und lebte dort zurückgezogen und abgeschirmt, nicht zuletzt wegen seiner „Unzurechnungsfähigkeit“ unbelästigt. 1936 wurde er wegen seiner jüdischen Frau aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, erscheinen durften nur seine unpolitischen Unterhaltungsromane aus früheren Jahren. Neues zu publizieren war ihm verboten. Dann kam der Krieg, und er zog wegen der alliierten Bombenangriffe auf Hamburg 1940 nach Cham zu seinem Sohn und dessen Verwandten, den Hellers in Janahof. Hier verlebte er die Jahre bis zum Kriegsende. Der neue Freundeskreis, als dessen spiritus rector Seeliger galt, sorgte neben den Angehörigen für sein Auskommen und dafür, daß die geplante Verschickung seiner Frau nach Theresienstadt unterblieb. Eine Schwägerin und ein Schwager kamen in den KZs Auschwitz und Dachau ums Leben.

Die Seeligers lebten sehr zurückgezogen und unauffällig, Seeliger enthielt sich aus Sorge um Frau und Sohn jeglicher politischer Tätigkeit, konnte damit aber nicht verhindern, daß Sohn Heinz Wolfram ins KZ Schelditz-Rositz in Thüringen eingeliefert wurde, aus dem er allerdings fliehen konnte. Da Seeliger zudem allgemein als „Träger des § 51“ bekannt war, zahlte sich das Experiment von 1922 jetzt unter dem Aspekt des Überlebens aus. Obendrein hielten die einflußreichen Chamer Bürger aus seinem Freundeskreis ihre Hand über ihn; zu denen gehörten Dr. Bernhard Marlinger, der Apotheker Schmid, Bankdirektor Sailer, der frühere Bürgermeister Schmidbauer, der Bankier Karl Schmid und andere.

Bitter enttäuscht

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte Ewger Seeliger wieder zu den wenigen, die nicht umzudenken hatten, weil er mit dem „humorwidrigen Regierungsgeschmeiß des Dritten Reiches“ nichts zu tun gehabt hatte – außer daß er es bekämpfte. Aber wenn er nun geglaubt hatte, ihm würde Wiedergutmachung zuteil wie so vielen anderen, die weniger Anspruch darauf erheben durften, dann wurde er auch jetzt wieder bitter enttäuscht. Er bekam zwar die beantragte Fürsorge; von dem in den letzten Kriegsmonaten gedrehten dritten Peter-Voß-Film (1944) erhielt er erst nach jahrelangem Prozessieren sein rechtmäßiges Honorar, und von den paar tausend Mark hatte er dann die „nun zu Unrecht bezogene Fürsorge“ zurückzuerstatten. Oh Liberalitas Bavariae! Für die bescheidene Restsumme lud Seeliger seine Freunde zum feudalen Essen ein: das war sein Verständnis von Großzügigkeit. Dieser neue Staat, die Bundesrepublik Deutschland, zeigte sich ihm gegenüber nicht einen Deut besser als die Vorgänger von 1922 und 1933. Ist es verwunderlich, wenn er den Staat auch weiterhin so sah, wie er ihn im Handbuch des Schwindels beschrieben hatte: als „die Wurzel alles Übels“?

Nicht überrascht

Überrascht war Seeliger nicht von dieser Erfahrung. Sein scharfer Verstand hatte längst erkannt, daß sich schon kurz nach 1945 und dann in der neuen Republik ein reichlich konservatives bis reaktionäres System in Gestalt der Adenauerschen Kanzlerdemokratie eingenistet hatte, und viele Einzelzüge mögen ihn an die Kahr-Regierung von 1922 erinnert haben.

Ohne breite Öffentlichkeit – denn das erzwungene zwölfjährige Schweigen und die Millionenopfer des Krieges aus eben seiner Lesergeneration hatten ihm das Publikum geraubt – ging er konsequent wieder auf Oppositionskurs und begann, auch die noble Tünche dieses neuen Staatsgebildes zu untersuchen und den Lack etwas anzukratzen. Kleine gereimte Bosheiten und Kommentare zu Tagesereignissen („Kennst du das Land Hundhammerun …?) drangen nicht weit, aber die Neuauflage und der Zeitungsabdruck seiner beiden Barockromane Vielgeliebte Falsette und Junker Schlörk in Düsseldorf und Aschaffenburg brachten einen, leider nur kurzlebigen, willkommenen Wirbel, der Seeligers geplantes literarisches Comeback werbewirksam fördern sollte.

Affäre schlief ein

Manche der älteren Chamer mögen sich daran erinnern, daß in den Jahren 1953 bis 1956 um Seeligers Falsette und seinen Schlörk einiges Aufhebens gemacht wurde. Das Landgericht Aschaffenburg hatte Beschlagnahme und Indizierung angeordnet, Verlagsräume und Wohnung des Besitzers des Main-Echo richterlich durchsuchen lassen und auf Verbot der beiden Bücher als unzüchtige und jugendgefährdende Schriften gedrängt. Wieder erfolgte der lächerliche bürokratische Krampfmechanismus, wie 1922, und die Affäre endete erneut mit einer Blamage der behördlichen Tugendwächter, denn Verleger und Autor verwahrten sich so vehement mit sachkundigen und sprachmächtigen Absagebriefen gegen die „inkompetente, spießige, kunstfremde Banausenhorde von Volkswartbund und Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“, daß der anberaumte Termin für das Verfahren verschoben wurde, und nach weiteren Experten-Maulschellen durch Seeligers Verleger- und Autorenkollegen ließ die Behörde der „Arsch-Affen“ (Originalton Seeliger) die Affäre einschlafen. Wieder hatte das selbsternannte kunstrichterliche Machtmonopol, hatte die behördliche Zensur sich als Größtblamagier erwiesen. Seeliger nannte diesen Vorgang sein Drittes Hominidissimus-Experiment.

Nach diesem Staatsjammerspiel widmete sich Seeliger der Fertigstellung seiner letzten großen Romane: Lamm wird Trumpf, Messias Humor und Sophias Fehltritt mit Erasmus sowie der Vollendung des 45 Jahre zuvor abgebrochenen Deutschen Dekamerone, und er suchte Verlage für seine ParadiesAktiengesellschaft zur Entfachung des „humoristischen Weltskandals“, doch ehe er auch nur einen Silberstreif am Horizont sehen konnte, ereilte ihn der unglückliche Sturz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte.

Seit dem ersten Erscheinen dieser Abhandlung (1986) ist der oben genannte, im Original fragmentarisch überlieferte autobiographische Roman Messias Humor, ergänzt und kommentiert, publiziert worden; Seeligers opus magnum hingegen, der nachgelassene Roman Sophias Fehltritt mit Erasmus oder Schuß ins Schisma (Motto: Jedem Wahne seine Fahne) war bereits teilweise im Andruck fertig, sein Erscheinen wurde aber von den Rechteinhabern bis dato unterbunden. Lamm wird Trumpf ist imManuskript verschollen.

Von Adam bis Zwist

Seit 1986, 27 Jahre nach Seeligers Tod und 64 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen des Handbuchs, ist dieses Kuriosum von 1922, dieses „Lexikon von Adam bis Zwist“, erneut auf dem Markt gewesen und inzwischen wieder vergriffen. „Ein graphomanischer Großkauz“, schreibt Prof. Erhard Schütz in der Frankfurter Rundschau über den „Alten Hexenmeister und Richtigen Lieben Gott“ Seeliger. „Voll analytischen Scharfsinns und zugleich voller wortreichem Geschimpfe und hemmungsloser Beredsamkeit ... soviel merkwürdige, verstörende, geradezu schwindelerregende Prosa ...“, schreibt Jörg Drews in der Süddeutschen Zeitung. „Sein sympathischer Vernunftoptimismus und sein satirischer Scharfsinn machen das Handbuch des Schwindels zu einer erfrischenden Lektüre“, so Wolfgang Harms in der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Der Lobreden auf diesen „Feuerreiter der Aufklärung“ (Hans Wollschläger in Der Rabe XV) sind viele, und sie mehren sich. Wer aber von seinen Chamer „Landsleuten“ kennt überhaupt noch den Namen: Ewald Gerhard Seeliger, genannt Ewger Seeliger?

 

[1] vgl. Handbuch des Schwindels,

[2] vgl. Der Rabe XV, Haffmanns Verlag Zürich, S 200.

[3] Eine Kopie des Protokolls befindet sich im Seeliger-Archiv von Max Heigl.

[5] Der NS-Anführer von Walchensee war der Besitzer des Cafehauses Bucherer.