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Kategorie: Werke
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Über das „Handbuch des Schwindels“

von Max Heigl (1986 veröffentlicht als Nachwort zur Neuedition, 2019 behutsam ergänzt und verbessert)

1922 ist ein Jahr voller Gewalt und Schwindel, politischem Terror und wirtschaftlicher Falschmünzerei, in Europa, im Reich, in Bayern und dessen Hauptstadt München. In Rußland richtet sich eine revolutionäre Minderheit als schwindeldemokratischer Sowjetstaat ein, Mussolini zaubert in Italien seinen faschistischen Schwindelsozialismus hervor, in Frankreich schwindelt sich Poincaré mit deutschfresserischen Kraftsprüchen an die Regierung. Die Schwindelwährung Reichsmark taumelt in schwindelnde Kursabgründe, im Ruhrgebiet rechtfertigt Frankreich mit Schwindelgründen die ersten Faustpfänder, die Versailler Friedensschwindler vergiften seit drei Jahren das Klima mit dem Schwindelstigma von Deutschlands Alleinschuld am Krieg, und die Schwindelvokabeln Dolchstoß, Novemberverbrecher und Erfüllungspolitiker narren die Hirne in Deutschland. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Hunger und seelisches Elend sind der Nährboden, auf dem Schiebertum und Gewalttätigkeit blühen. In München entsteht das hybride Schwindelwort von der „Ordnungszelle Bayern“. Die republikanisch etikettierte bayerische Staatsregierung ruckt staatsstreichähnlich mit Hilfe antidemokratischer Kampfbünde und außerparlamentarischer Aktivistengruppen in Richtung einer Rechtsdiktatur mit Verfassungstünche, honorige Kirchenpotentaten wie Kardinal Faulhaber und der päpstliche Nuntius Pacelli sympathisieren offen mit dem Schwindeltraum einer erneuerten Monarchie, wenigstens für Bayern. Fememorde durch schwindelpatriotische Geheimbünde finden im Reich wie in Bayern eine geneigte Justiz, Attentate auf mutige Publizisten (Harden) und mißliebige Politiker (Rathenau) bleiben fast ungeahndet. Saal- und Straßenschlachten politischer Kampfverbände sind ebenso an der Tagesordnung wie große und kleine Wirtschaftskriminalität. Das Gespür für Anstand, Lauterkeit, Wahrheit scheint verloren, die falsche Münze beherrscht jeden Markt, im Reich, in Bayern, in München. Die Liberalitas Bavariae liegt im Sterben, schwarz-braune Wolken verdunkeln den weiß-blauen Himmel, das München von 1922 leuchtet nicht mehr wie bei Thomas Mann, als im „Weltbücherverlag“ in der Schellingstraße unter dem Pseudo-Pseudonym „Ewger Seeliger Menschheit“ das Handbuch des Schwindels erscheint.

Es findet in kurzer Zeit starken Absatz und wird nach wenigen Wochen vom Staatsanwalt beschlagnahmt und verboten. Damit beginnt die Tragikomödie eines Buches, wie sie dessen Urheber Ewald Gerhard Seeliger mehr als zehn Jahre zuvor erdacht und geplant und nunmehr inszeniert hat. Wer ist dieser messianische Friedenshetzer und Entschwindelungskünstler, dieser Erzanstiftling zum Weltfrieden durch Humor, Ewger Seeliger, der sich so selbstbewußt „Menschheit“ nennt und den Leser des Handbuch des Schwindels mit dem Verleitspruch empfängt: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider sich“?

Ewald Gerhard Hartmann Seeliger, geboren am 11. Oktober 1877 im schlesischen Rathau bei Brieg, wuchs in einem liberalen Elternhaus auf und wurde früh zu freiheitlichem und eigenständigem Denken und Handeln erzogen. Sein Vater, ein goethevernarrter, kosmopolitisch denkender, bienenzüchtender Hauptlehrer, vererbte ihm eine starke Abneigung gegen jeden Obrigkeitsglauben. Erfahrungseifer und Phantasie dagegen wurden mit gleicher Sorgfalt gefördert wie die Liebe zur Natur und zum kreativen Umgang mit der Sprache. Einer augenzwinkernd mitgeteilten Familientradition zufolge sollte der junge Seeliger zwei Väter haben: den „keimplasmatischen Erzeuger“ Gustav Seeliger aus Stroppau an der Oder, wo nach lokaler Überlieferung die Erdachse geschmiert wird, und den „pneumatologischen Hur-Urgroßvater“ Goethe, der im Jahre 1790 den Grund für diesen seeligerschen Familienzweig in einem „chromosomatischen Abenteuer“ mit der Wirtsnichte Rebekka Kuhlmann aus Zirlau in Schlesien gelegt haben soll. Mit solch vielfältigen Entwicklungskeimen ausgestattet, strebte der junge Seeliger beruflich dem Vater nach, wozu die Mutter entscheidend beitrug, als sie in einem Gespräch über die Zukunft des Sohnes sagte: „Festes Gehalt, unkündbare Stellung, im Alter versorgt, und dann noch die wunderschönen Ferien!...“ Mütter eben! Er besuchte Bürgerschule, Präparandenansalt und Volksschullehrerseminar und verdiente sich ab 1897 erste pädagogische Sporen in mittelschlesischen Dörfern als Lehrerstellvertreter und Lehrer. Erfahrungen und Erlebnisse aus diesen „Lehr“jahren liegen manchen seiner Romane und Erzählungen zugrunde (Der Stürmer; Das Winkelbergsche Herz). Seeliger war viel unterwegs, mit dem Fahrrad in der schlesischen Heimat, und später mit der Eisenbahn und per Schiff in der ganzen Welt. Der Sinnenmensch und genaue Beobachter reiste und rezipierte seine Umgebung gemäß seinem Lebensmotto: Dichtung ist Leben, Leben ist Dichtung. Er brauchte wenig zu „erfinden“, er hatte Menschen und Dinge, die er beschrieb, „geschaut“ und „erfahren“.

1899 erhielt der welthungrige Schulmeister auf eigene Bewerbung eine Anstellung an der Deutschen Schule in Genua. Dort begann er, Erzählungen zu schreiben (Aus der Schule geplaudert; An der Riviera; Leute vom Lande). 1900 berief ihn die Stadt Hamburg als Lehrer, er heiratete 1901 eine Kollegin, die Hamburger Kaufmannstochter Rosalie Kohn, und widmete 1902 seinem „eingeborenen Sohn“ Heinz-Wolfram ein originelles Kinderbuch, das heutzutage eine antiquarische Rarität ist [d. V.]. Neben seiner Lehrtätigkeit schrieb er Gedichte, Erzählungen, Komödien, und Romane (Nord-Nordwest; Riffe der Liebe) und wurde bald zu einer bekannten und anerkannten Figur im literarischen Leben Hamburgs. 1906 verlieh ihm der Hamburger Senat für sein Buch Hamburg – ein Buch Balladen die Goldmedaille des Großen Ritzebütteler Portugalösers, 1907 folgte der 1. Preis von 3000 Mark beim Preisausschreiben der Scherlschen „Woche“ für die Ballade Der Gonger. Preisgelder und Honorare aus den steigenden Auflagen seiner Bücher übertrafen bald sein Lehrergehalt, und das erzählerisch bearbeitete Tagebuch seines seefahrenden Bruders Paul (Mandus Frixens erste Reise, auch: Bark Fortuna) war sein erster großer Publikumserfolg. Er nahm um die Jahreswende 1906/07 ein Disziplinarverfahren der Hamburger Oberschulbehörde gegen ihn zum willkommenen Anlaß, das Lehramt niederzulegen. Wir haben Veranlassung, die Gründe für das Verfahren in Seeligers eigenwilliger Auffassung vom Verhältnis Individuum / Staat zu suchen. Seine spitze Feder als „Bruder Mores“ hatte, ähnlich wie Ludwig Thoma im Simplizissimus, bürokratische Exzesse satirisch aufgespießt und der Lächerlichkeit überliefert. Und war ein beamteter Lehrer tragbar, der in seinem Romanerstling Der Stürmer einen Dorfschullehrer als sympathisch gezeichnete Hauptfigur ein volles Tintenfaß gegen den inspizierenden Schulrat schleudern läßt wie weiland Luther gegen den Teufel? Mußte nicht auch der Roman Der Schrecken der Völker (1905) aus der Feder eines Staatsdieners ein Skandalon von Rang sein? Seeliger ließ schon damals eine Wasserstoffbombe konstruieren und mit ihr alle Kriegsflotten der Welt auslöschen, zu Gedeih und Triumph des allgemeinen Weltfriedens! Hellsichtig sagte er das Gleichgewicht des Schreckens voraus: „Je schrecklicher die Werkzeuge des Mordens werden, um so seltener wird man sie anwenden... Nicht die Friedensschalmeien, nicht die steigenden Prozente der Handelshäuser, nur die lähmende Furcht bändigt die Bestie.“ (Der Schrecken der Völker, S. 52) Was für ein Sakrileg für eine Zeit, in der die Flotte des Kaisers liebstes Kind war. 1908 erhielt der Aufmupf eine Geldstrafe wegen Beleidigung durch die Presse – der Querdenker, -schreiber und -treiber rieb sich mit Vorbedacht an den kleinen und großen Exponenten der Macht; kein Wunder, daß die Funken stoben.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Konkreter Anlaß für das Disziplinarverfahren war Seeligers Verstoß gegen die Schulordnung: Er hatte gegen Schuljahresende von HAPAG-Lloyd eine Einladung erhalten, als Reisejournalist eine kostenlose Schiffsreise um die halbe Welt mitzumachen, und hatte einige Tage vor Schulschluß die Fahrt angetreten, ohne vorher um Dispens nachgesucht und die Schulbehörde informiert zu haben. In der Vernehmung nach der Rückkehr trat er dann sehr „selbst­bewußt“ und in forschem Ton auf und „sprengte“ die Sitzung mit folgendem Satz: Ich schließe die Sitzung“. Dieses zweifellos provozierende VerVerhalten mußte die Suspendierung vom Dienst nach sich ziehen; dem aber kam Seeliger zuvor, indem er, nach seinen eigenen Worten „den Staat aus seinen Diensten entließ.“

Der vielseitige, nun freie Schriftsteller zog seine Vornamen in selbstironischer Art zum programmatischen EWGER zusammen, tummelte sich im weiten Feld der literarischen Formen und experimentierte erfolgreich in fast allen Gattungen. Der Kreis seiner Freunde und Bekannten wuchs ebenso wie die Vielfalt seiner Publikationen. Seeliger wurde Modeautor und Bestsellerproduzent. Der in späterer Zeit zu traurigem Ruhm gelangte Professor und „Pionier der antisemitischen Literaturgeschichte“, Adolf Bartels, bescheinigte ihm 1918: „Man sieht, er kann eigentlich alles.“ Seine Popularität bewog seinen Blankeneser Nachbarn und Freund Richard Dehmel zu dem Bekenntnis:

„Ich wäre gern so populär | wie mein Nachbar Seeligär.

Doch weils nicht kann seun | soll er sich freun.“

Zum engeren Bekanntenkreis gehörten Liliencron und sein Literatenzirkel, Otto Ernst, Fritz Mauthner und besonders Richard Dehmel; aus der engen Freundschaft mit ihm erwuchs schon in den Vorkriegsjahren die Konzeption für das Handbuch des Schwindels. Beziehungen bestanden zu Maximilian Harden, Emil Ludwig, Hermann Stehr, Walther Rathenau, Felix Hollaender und dem „Klüngel der Berliner Literaturdemiurgen“ um die Brüder Hart.

In schneller Folge erschienen Romane, Novellen (Das schlesische Werk; Buntes Blut), Erzählungen, Singspieltexte, Komödien (Die 5 Komödien des Marquardt van Vryndt), zeitkritische Gedichte und sogar Operettenlibretti. Er schrieb vieles, was nur Tagesbedeutung hatte, folgte Verlegerwünschen nach Erfolgsbüchern und traf oft nur zu gut den Publikumsgeschmack auf Kosten literarischer Sorgfalt und künstlerischer Ökonomie. Was er mitunter schrieb, war Lesefutter und gilt heute als Trivialliteratur. Die zeitgenössische Kritik aber maß ihn an seinen besten Texten und stufte ihn erstaunlich hoch ein im literarischen Leben zwischen 1900 und 1930. Vieles an Seeligers Büchern aus dieser Zeit ist hoffnungslos zeitgebunden, im Sujet veraltet und sprachlich vom Zeitgeschmack überholt. Die Atmosphäre von Vorkriegs- und Kriegszeit hat auch Unbedachtes einfließen lassen, doch wer seine zwischen 1905 und 1923 erschienenen Romane aufmerksam liest, wird bemerken, daß bei den grimmigen Ausfällen gegen Frankreich, England und Japan nicht ein kruder Hurra-Patriotismus die Feder führt, sondern der Zorn gegen die „hochmögenden Gewaltschwindelzauberer“, die ihre Völker in Größenwahn und Kriegshysterie hetzen. Nicht den Haudegen, sondern den Besonnenen gilt selbst in den Kriegsbüchern seine Sympathie, und in Handlungen und Charakteren ist immer der Ruf nach dem Weltfrieden vernehmbar; wie ein roter Faden durchzieht die utopischhumane Fiktion vom „Frieden durch Humor“ alle seine Bücher. Seeliger wollte seine Ideen von Humanität und Freiheit und von der messianischen Kraft des Humors an breite Leserschichten herantragen; das erforderte Zugeständnisse in Sprache und stofflichem Detail. Der große literarische Gestus mag seinen Büchern vielfach abgehen, nie jedoch fehlt der Gedanke der Gewaltfreiheit, ein Gedanke, der heute vornehmlich jungen Menschen am Herzen liegt und für den viele durch die denkfaule Gesellschaft in Außenseiterrollen gezwungen werden als Miesmacher, Verhinderer und Aussteiger, als Utopisten und Staatsverneiner. Diese Rolle hat Seeliger in den 20er und 30er Jahren bewußt und konsequent angenommen. Er verweigerte sich jedweder „Horde“, sofern sie Zwang ausübte, sie mochte sich Konfession oder Partei nennen, Nation, Rasse oder Klasse.

1902 schlug er ein Angebot, sich mit August Bebels Unterstützung in die Hamburger Bürgerschaft und für die SPD in den Reichstag wählen zu lassen, mit dem Goethe-Satz aus: „Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er das tut, ist er als Poet verloren.“ Er verschrieb sich mit ganzem Herzen der Idee von der Abschaffung der Gewalt, der Vision von der Beseitigung jeder organisierten Zwangsmeierei. In dem Roman Die Zerstörung der Liebe (1923) läßt er die Hauptfigur Karl sagen: „Krieg und Revolution sind ohne Waffe unmöglich, daher muß vor allem die Waffe verschwinden, und die schonungslose Verfemung des Mörders und seines Lehrers muß unverlierbar dem Bewußtsein der Völker eingehämmert werden.“

Bis ins erste Weltkriegsjahr hinein galt er als literarischer Publikumsliebling und Modeschriftsteller, und in seiner, erst seit 2005 veröffentlichten romanhaften fragmentarischen Autobiographie Messias Humor bekennt er sich offen dazu. Zwischen 1912 und den ersten Kriegsmonaten aber geschah die Wandlung Seeligers vom unterkühlt moralisierenden Bücherproduzenten zum radikalen Pazifisten, engagierten Moralisten und visionären Zukunftsverdeutlicher.

Freilich wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn er gerade in dieser Wendezeit seines Schaffens, im Jahre 1913, seinen für Jahrzehnte wirksamen Longseller, den Schelmen- und Anti-Kriminalroman Peter Voß, der Millionendieb in die Welt setzte. Dessen Genesis ist so kurios wie sein Plot.

Man schreibt das Jahr 1912, da erscheint eines Tages bei dem angehenden Erfolgsschriftsteller Seeliger in Hamburg-Blankenese ein Verleger namens Hobbing aus Berlin und tut, wovon jeder Schriftsteller träumt: Er bestellt drei Romane und nennt als reichlich kuriose Bedingungen – sie sollen inhaltlich lose zusammenhängen, sollen je Buch 20 Kapitel zu je 32 Seiten umfassen, keine Leichen enthalten und, wenn schon Revolver, dann, bitteschön, mit Platzpatronen. Kurz: Er erwarte

  1. eine Kriminalgeschichte ohne Mord,

  2. eine Geschichte um einen Justizirrtum und

  3. eine irgendwie exotische Geschichte.

Termin: vier Wochen, und als Vorschuß für jedes Buch ein Scheck über 3000 Reichsmark. 1920 Manuskriptseiten in vier Wochen – der Autor winkt ab, doch die resolute Ehefrau nimmt die Schecks an sich und legt dem Gemahl nahe, mit dem Schreiben keine Zeit zu verlieren, denn dies sei ihr Geld und dafür habe er gute Arbeit zu leisten. Er packt das Unmögliche an und bestätigt einen Wahlspruch seines Familienclans: „Wir Seeligers können alles!“ Er fabuliert in Tag- und Nachtarbeit, verwertet eigene Weltreiseerfahrungen und das Tagebuch seines seefahrenden Bruders, stilisiert mit viel Phantasie eigene Konflikte mit Justiz und Behörden zu literarischen Sujets hoch; die weltskeptischen Lebensmaximen seines klugen Lehrer-Vaters lassen ihn den Schwindel als den Lebensnerv alles Seienden erkennen, und die Familienlegende vom Hur-Urgroßvater Goethe – das Zusammenwirken dieser und weiterer zwölf Dutzend Komponenten seines keimplasmatischen und pneumatologischen Daseins vollbrachten binnen vier Wochen das Wunder, das man vom späteren „Alten Hexenmeister“ und „Richtigen Lieben Gott“ füglich erwarten durfte. Und o weiteres Wunder: Just zum Liefertermin trifft den Auftraggeber der Schlag, die Witwe kündigt den Vertrag, und Seeliger bleibt auf drei fertigen Manuskripten sitzen, eine Po-Sitzion, die nur dadurch erträglich wird, daß die Vorschüsse nicht zurückgezahlt werden müssen. Drei druckreife Romane – Das Paradies der Verbrecher, Max Doberwitz, der Tantenmörder und Peter Voß, der Millionendieb suchen neue Verleger; Peter Voß findet ihn bei Ullstein & Co in Berlin, und damit beginnt der jahrzehntelange Siegeszug dieses gewaltfreien Kriminalromans – Höhepunkt der seeligerschen Erfolgsstory. Mitten in diesem Erfolgsrausch jedoch warnt ihn der Vater in einem eindringlichen Gespräch vor der „goldenen Kette, mit der jedwede Leserschaft den von ihr zum Lieblingsautor erkorenen Dichter in Fesseln zu schlagen trachtet“; Begegnungen, u. A. mit Fritz Mauthner und Franz Oppenheimer, und kritische Beobachtung der Zeitläufte rüttelten ihn auf. Die bevorstehende Einberufung durch Auswanderung zu umgehen, lehnte er mit der Begründung ab: „Ich will mit dabei sein, damit ich später darüber aus eigener Anschauung berichten kann.“ (Messias Humor) Er beschloß jedoch, „nur als Friedensberichterstatter zu funktionieren“. Der kompromißlose „Arbeiter für die Utopie der Welteidgenossenschaft“ war geboren, und der jahrzehntelange Kampf für die Befreiung der Menschheit von Gewalt und Schwindel begann. Seeliger setzte seinen Kredit beim Massenpublikum aufs Spiel, um mit seinem Konzept gegen den Trend der Zeit anzugehen. Der Wandel war konsequent in jeder Beziehung.

Im Oktober 1914 wurde Seeliger gemustert und meldete sich „kriegsfreiwillig“, doch seine Einsätze waren friedlicher, fast ziviler Natur. Marinekriegsberichterstatter der Vossischen Zeitung, Verwaltungsschreiber auf Norderney, in der Truppenbetreuung, bei einer Schiffsbesichtigungskommission, bei einer Werftdivision auf Sylt, in einer Marine-Proviant-Organisation in Hamburg, beim Marine-Transportbüro in Wilhelmshaven – er tat durchwegs unkriegerischen Dienst. Häufige Aufenthalte in Hafen-Cafés führten zu Begegnungen wie der mit Ringelnatz, wobei der noch unbekannte Seemannspoet neben einigen Flaschen Rum reichlich Zuspruch und schöpferische Zuversicht durch den Erfolgreichen gewann. Solcher „Waffendienst“ taugte nicht zum militärischen Avancement, und Seeliger blieb bis zuletzt Unteroffizier. Er gewann aber Zeit zum Schreiben, und auch während der Kriegsjahre erschienen neue Bücher mit sehr unterschiedlichen, doch stets originellen Plots. Einen Auftrag des Ullstein-Verlags für einen Kriegsroman (Der gelbe Seedieb) nutzte er, um einen „pazifisch und pazifistisch durchtarnten“ Bestseller unters schlachtenhungrige Leservolk zu schmuggeln, in einer Auflage von rund 300.000! In der Kriminellen-Utopie Das Paradies der Verbrecher (1914) empfahl er, alle Bösewichter unter wohlfahrtsstaatlichen Lebensumständen in einer brasilianischen Urwald-Kolonie zu versammeln und sie so ihres Stehl-, Raub- und Mordbedürfnisses zu entheben. Nebenbei erfand der allem Technischen, sofern es friedlichen Zwecken diente, aufgeschlossene Tüftler das Stelzenboot – Vorfahre von Amphibienfahrzeugen. 1915 erschienen zwei Bände des geplanten Deutschen Dekamerone mit 40 Novellen um Meer und Macht. 1918 legte er den ersten der vorgesehenen vier „chromosomatischen Barockromane“ vor, den Schelmenroman Die Abenteuer der vielgeliebten Falsette, dem er 1920 mit Junker Schlörks tolle Liebesfahrt ein maskulines Pendant folgen ließ.

Nach der Rückkehr ins Zivilleben, zu der er sich als Mitglied des Marine-Transportbüros selbst einen Marschbefehl ausstellte, machte Seeliger sich daran, sein seit langem fertiges Konzept der „Hominidissimus-Experimente“ zu verwirklichen. Er kaufte, um seine Papiermarkersparnisse vor dem Zerschmelzen in der Inflation zu bewahren, das Sommerhaus AVALUN am Walchensee in Oberbayern und richtete eine „welteidgenössische Enklave“ ein mit gastfreiem Haus und einem ansehnlichen Kreis früherer und neuer Freunde: dazu gehörten Fritz Mauthner, Robert Oppenheimer, Oswald Spengler, sein Stiefneffe Konrad Heiden, Ludwig Feuchtwanger, Philipp Löwenfeld u.v. A. In diesem „Vulkanium pneumatologischer Observanz“ gründete er zusammen mit dem Münchner Buchhändler Eser, dem Biologen und Lektor des Verlages für Kulturpolitik, Dr. Curt Thesing, und den Inhabern des Münchner Buchgewerbehauses, Müller und Königer, den „Weltbücherverlag“, um die druckfertigen Texte des Ersten Hominidissimus-Experimentes 1922 herauszubringen: Als Vorspiel Die Zerstörung der Liebe, worin das „Weltbordell Paris“ durch Einleiten eines Aphrodisiakums in die städtischen Wasserleitungen für immer befriedet wird; dann mit Die Diva und der Diamant, Handbuch des Schwindels und Die Entjungferung der Welt (1923) die Titel, die man eine Trilogie der Entschwindelung nennen könnte. Seeliger hatte dieses Erste Hominidissimus-Experiment mit Sorgfalt und kühl kalkuliertem Risiko vorbereitet und inszeniert: In das Schwindelklima von „Schlawittelsbach am Wendekreis des Löwen“ bugsierte er sein „typographisches Erzkuriosum, ... wobei [ihn] oft genug ein keineswegs unangenehmes Gruseln überlief, als ob [ihm] Nachbar Dehmel als unsichtbarer Hausgeist über die Schulter linste“ (Messias Humor). Nach Richard Dehmels Tod 1920 hatte Seeliger das Handbuch des Schwindels allein fertiggeschrieben, um damit „den bayerischen Löwen ganz gehörig am Schwanz zu ziehen.“ In der Schlußszene von Die Diva und der Diamant kündigte er in der Rolle des „Richtigen Lieben Gottes“ das Handbuch höchstpersönlich an als ein großes Buch der Wahrheit; im Frühjahr 1922 erschien es und löste den erhofften Wirbel aus. Wenige Monate danach kam in Wien im Gewand eines exotischen Abenteuer- und Reisebuches der Weltfriedensroman Die Entjungferung der Welt heraus mit einem satirischen und stark verfremdeten Zeitbild Münchens um 1922. Diese gallenbittere Attacke auf „Attilasämlinge“ und „autoritätsbrünstige Obertanen“ jeder Couleur entlädt krachende Breitseiten voll Hohn auf den Urgrund alles Bösen in der Welt, den Kaipapkö (leicht zu demaskierendes Kürzel!). Diese unheilige Dreiheit der Macht und des Schwindels, dieses welt- und menschenschindende Monstrum residiert – Jules Verne zum Gruß! – im Mittelpunkt der Erdkugel, unter unseren Füßen, in der landläufigen Behausung des Teufels also. Im Handbuch des Schwindels erscheint dieses Widerwesen in zahllosen Varianten als Staat, Mammon, Amtskirche, Großstadt, Militär, als Gewalt hinter vielen Larven, kurz als Schwindel, als Sperre für Leben, Lust und Liebe, als Widersacher von Wahrheit, Freiheit und richtigem Denken. Seeliger hatte das Handbuch drucken lassen „zum Zwecke der Beschlagnahme, denn nur diese ent- und gesetzlich geschützte Spitzbubelei […] hat mir die Möglichkeit eröffnet, die Klau-, Kau- und Denkwerkzeuge der Beschlagnahmer so genau zu untersuchen, wie das von dem Richtigen Lieben Gott von Ewigkeit her zu erwarten stand“ (Gott und die Schweinehundel, Erste Pflugschrift, Hamburg 1925). Dies nun ist der Kern des Ersten Hominidissimus-Experimentes:

  1. Seeliger will erfahren, wie schnell und aus welch fadenscheinigen Motiven im neudemokratischen bayerischen Obrigkeitsstaat ein Mensch ins Irrenhaus geraten kann.

  2. Er will erfahren und zeigen, wie die in Horden organisierten Hominiden einem Hominidissimus, also einem Vertreter der wahren Menschheit, begegnen, nämlich mit den Bütteln behördlicher Macht.

  3. Er will einen Gerichtssaal gewinnen als Forum für seinen Appell ans Weltgewissen und zur Verkündigung seiner welteidgenössischen Friedensidee.

  4. Er will durch das leibhaftige Beispiel beweisen, daß Zivilcourage und richtiges Denken auch der massiven Staatsgewalt erfolgreich entgegentreten und sie mit den Mitteln des entwaffnenden, weil waffenlosen Humors ad absurdum führen können.

  5. Er will zu der urhumoristischen Erkenntnis hinführen, daß, wenn sich möglichst viele Menschen für unzurechnungsfähig erklären ließen, sie durch ihre Steuerunfähigkeit dem Staat auf legale Weise die finanzielle Grundlage zur Massenherstellung von Waffen und Kriegsgerät entzögen: status ad absurdum. 6. Er will den vor Strafverfolgung schützenden Paragraphen 51 zugesprochen bekommen und dadurch Narrenfreiheit gewinnen im Bewußtsein, daß die wirklichen Narren die anderen sind. (Seeliger weigerte sich bis an sein Lebensende, ordnungsgemäß Steuern zu zahlen! Der Staat hielt sich an seinen Erben „schadlos“!).

Und zu guter Letzt sollte der Aufenthalt in einer Heil- und Pflegeanstalt dem Erfahrungshungrigen unverfälschte Milieustudien ermöglichen. Der Staatsanwalt reagierte wie erhofft: Er ordnete für den 24. Juni 1922 eine Razzia im Gebäude des Weltbücherverlages an und beschlagnahmte 459 Exemplare des Handbuchs; im Juli und August erfolgten Aktionen in Münchner Buchhandlungen. Am 9. November wurde Seeliger vom Untersuchungsrichter während der Vernehmung erstmals als unzurechnungsfähig bezeichnet.

Am 11. Dezember verfügte die Erste Strafkammer München I Seeligers Einweisung für sechs Wochen in die Heil- und Pflegeanstalt Haar. Seeliger verbrachte die Zeit von Mitte Januar bis Ende Februar 1923 in der Anstalt und verhielt sich (nach eigener Darstellung im Messias Humor) so irrenhausgemäß, daß der Direktor ihn bat, die Anstalt zu verlassen, denn er sei zu verrückt für dieses Haus. Der Patient protokollierte alle Vorgänge und Gespräche mit. Das Gutachten der Ärzte vermeldet aber eine sehr viel gemäßigtere Aufführung des Patienten und attestierte ihm als Gesamturteil Hypomanie; dieser offensichtliche Widerspruch zeugt für die Neigung des Künstlers Seeliger zu dramatischer Überhöhung dem „Roman“ Messias Humor zuliebe. Er wurde freigesetzt und ging auf Reisen.

Am 15. April 1924 eröffnete das Landgericht München 1 das Objektive Verfahren gegen das Handbuch des Schwindels, und erst nach massiver Intervention des gegen seinen Willen zum „Unmündigen“ Erklärten wurde er als Einzugsinteressent anerkannt. Der Versuch des Staatsanwaltes, ihn unter Vormundschaft stellen zu lassen, scheiterte an dessen wortgewaltigem Absagebrief, worauf die Justiz resignierte. Das Nachspiel war eine Groteske: Zahlungsaufforderung über 4,55 Reichsmark Gerichtsgebühren, barocksprachiges Ablehnungsschreiben, Auftritt des Gerichtsvollziehers wegen 12,17 Reichsmark mit dem Versuch, den Bechsteinflügel zu pfänden, Vernichtung der Pfändungs­marke durch Seeliger, Drohung mit Strafverfolgung wegen Beschädigung von Staatseigentum und – als Knalleffekt: Seeligers triumphierender Hinweis auf seine Strafunmündigkeit wegen des §51.

Das Hominidissimus-Experiment Nr. 1 war geglückt, Staat und Justiz strichen vor Witz und Zivilcourage eines Individuums die Segel. Wohl wurden Buch und Herstellungsmaterialien unbrauchbar gemacht, doch besagte dies nichts angesichts folgender Prozeßergebnisse:

  1. Die Beklagten wurden außer Verfolgung gesetzt.

  2. Die Kosten des Verfahrens trug die Staatskasse.

  3. Der dreijährige Prozeß offenbarte in all seinen Phasen die Humorlosigkeit der Bürokratie und die Hilflosigkeit staatlichen Machtdünkels gegenüber Witz und Mut eines autonom denkenden Menschen.

  4. Das Überleben des Buches zeugt von der Lebensfähigkeit des „Richtigen Denkens“ und der „ewigen Wahrheit des Richtigen Lieben Gottes“.

  5. Der Seeliger-Prozeß wurde fast von der gesamten deutschen Tagespresse aufgegriffen, zumal Seeliger als Zeugen folgende Persönlichkeiten angefordert hatte (wenn auch ohne Erfolg):

Diese Zeugen sollten sich zu ihren Vorstellungen von den Begriffen Gott, Menschheit, Staat und Volk äußern, was deutlich macht, daß Seeliger die Selbstentlarvung der „Horden“ im Gerichtssaal beabsichtigte (vgl. Gott und die Schweinehundel, S 11)

  1. Das Buch hat sowohl die Beschlagnahme als auch die damals geltenden Paragraphen überlebt, die zu seiner Indizierung geführt hatten: Vergehen gegen das Republikschutzgesetz, Gotteslästerung und Religionsbeschimpfung.

 "Handbuch des Schwindels": Katalogkarte der Bayerischen Staatsbibliothek mit dem Indizierungsvermerk von 1922 (oben rechts)

Katalogkarte der Bayerischen Staatsbibliothek zum "Handbuch des Schwindels", oben rechts mit dem Indidizierungsvermerk von 1922 (noch 2020!)

In Seeligers Verständnis ist Gott nicht ein von Menschen geschaffenes Bild (Götze), sondern die Verwirklichung der freien Menschheit. Insofern ist jeder, der dieses Stadium erreicht hat, in dem er unabhängig, also richtig zu denken vermag, gottebenbildlich. Seeliger folgt hier Fritz Mauthners Vorstellung, wonach der Ich-Begriff = Gott-Begriff ist.

Was der Staatsanwalt ihm als Gotteslästerung anlasten wollte, zielt eindeutig nicht auf Gott, sondern auf dessen Kirchensteuerleute und auf gewisse „relügiös verlarvte Wissengeschäftler“, die sich das Recht anmaßten, das Bild des Ewigen Vaters nach ihren selbstherrlichen Maßstäben zurechtzustutzen und ihm dann zu eigenem Nutz und Frommen das genehmste Gruppensignum aufzuprägen. Seeliger verspottet nicht Gott, sondern diesen von Menschen begangenen Etikettenschwindel mit Gottbildnissen, mögen sie nun Jahwe heißen oder Allah, Zeus, Wotan oder Manitu, oder auch wie der von der Amtskirche vereinnahmte und den Theologistikern anheimgegebene Christengott. Aggressiv wird Seeliger ja auch nur dort, wo im Namen eines dieser Götterbilder eine „Horde“ versucht, mit Überredung, Verlockung, List oder Gewalt Proselyten unter Andershordigen oder „Nichthordioten“ zu machen.

Seeligers Gott ist ein Ewiger Vater, der keinem von denen gehört, die sich Uniformen und Hordenzeichen zulegen, der aber all denen zugehört, die sich als einfache, ehrliche, richtigdenkende Menschen bemühen, auf dem Wege vom Hominiden zum Hominidissimus ein Stück voranzukommen. Die Hominidissimus-Experimente sollten beweisen, daß der richtig denkende Mensch, der über das Stadium des Hominiden hinausgewachsene Hominidissimus, keine Horden braucht, weder Staat noch Partei, weder Kirche noch Rasse; daß nur die „Noch-nicht-Menschen“ die Hordenbildung benötigen und Macht und Machtmittel anwenden müssen, um ein Zusammenleben zu ermöglichen.

Der Hominidissimus ist, so Seeliger, die höchste Stufe des Menschseins, er ist die wahre Menschheit, und in ihrer Verwirklichung sieht er die vornehmste Bestimmung des Menschen, nachdem die un-menschlichen Fehlentwicklungsstufen Unter-bzw. Über-Mensch überwunden sind. Mit ihrer Verwirklichung ist die Identifizierung der freien, vollkommenen Menschheit mit Gott erreicht. Die Vision vom Eingehen des Menschen in Gott und Gottes in den Menschen, die Vergöttlichung des Menschen und die Vermenschlichung Gottes (s. Jesus) – diese erzchristliche Vorstellung ist Seeligers ganze Blasphemie, für die er, wie er es vorausberechnet hatte, vom Staatsbüttel vor obrigkeitsstaatliche Gerichtsschranken gezerrt wurde.

Wenn Seeligers Silbenvulkan an der empfindlichsten Stelle eruptierte, so lag es nicht an einer gotteslästerlichen Absicht, sondern allein an der Humorlosigkeit und Denkfaulheit der selbstgefälligen Staatsrechtstreter von 1922 und an der heillosen Angst theokratholischer Würdefetischisten vor einem, der an den zweifelhaften Grundfesten ihrer Kirchenamtsstühlchen und Seelenhütlerpöstchen zu rütteln wagte. Durch das gesamte Werk Seeligers zieht sich die Forderung nach dem „richtigen Denken“. Wie viel schlitzohrige Clownerie sich hinter diesem Allerhöchstanspruch auch verbergen mag, an einigen Grundbedingungen hält er unverrückbar fest:

  1. Richtig denken heißt: die Wahrheit sprechen, die Dinge richtig bezeichnen, nicht zweideutig, verschleiernd oder falsch benennen, die Wörter beim Wort nehmen. „ [Die Wahrheit] ist das richtige, widerspruchslose, allmächtige Denken.“ (Die Entjungferung der Welt S 53)

  2. Richtig denken heißt: miteinander denken, nicht gegeneinander. „Was könnten da die anderthalb Milliarden Menschen [Stand 1922; d. V.] vollbringen, wenn sie sich endlich als einige, ewige Menschheit erkennen wollten!“ (Die Entjungferung der Welt, S 224). Konträre Positionen sieht Seeliger nicht als „Anti-“, sondern nur als „Nicht-“. So bezeichnet er sich selbst in einem Text, der im Zweiten Hominidissimus-Experiment von 1933 die braunen Horden anpeilt, als „nichtsozialistischen, nichtkommunistischen, nichtkatholischen, nichtprotestantischen, nichtjüdischen und nichtantisemitischen Indogermanen.“ (Messias Humor)

  3. Richtig denken heißt: Mut und Zivilcourage zeigen. „Wer Angst hat, denkt falsch.“ (Messias Humor)

  4. Richtig denken heißt: die Sprache unabhängig und kreativ gebrauchen, Wörter und Sätze und damit Gedanken selber schaffen, statt in Fertigformeln zu sprechen. „Wenn ich Sätze brauche, so pflege ich mir diese Gebrauchsgegenstände selbst anzufertigen. (Gott und die Schweinehundel, S 8). – „Wer in Worten und Sätzen denkt, die andere ihm vorgegeben haben, denkt falsch.“

  5. Richtig denken heißt: sich selbst beherrschen und dadurch Fremdbeherrschung verhindern. „Wenn jeder sich selbst beherrscht, was braucht es da einen Herrscher?“ (Die Diva und der Diamant, S 216)

  6. Richtig denken heißt: frei und vernünftig denken. „Alle Überzeugungen sind Irrtümer. Die Freiheit des menschlichen Denkens besteht darin, sich stets der besseren Einsicht zuzuwenden.“ (Die Diva und der Diamant, S 219)

  7. Richtig denken heißt schließlich: lustvoll denken. „Das Denken ist die schwerste, aber auch die lustigste aller menschlichen Arbeiten. Das Denken ist die göttliche Arbeit der Menschheit.“ (Die Diva und der Diamant, S 237)

Seeligers Augenmerk richtete sich in den nächsten Jahren auf die braune Hordenbewegung. Es folgten ruhigere Jahre, in denen er mit Freunden wie Franz Oppenheimer, Fritz Brehmer, Ludwig Feuchtwanger (dem Bruder von Lion Feuchtwanger) und Oskar Fiedler ausgiebig Umgang pflog und viel reiste. Verfilmungen des Peter Voß (mit Harry Liedtke) u. A. nahmen ihn in Anspruch, eine Amerika-Reise brachte den Stoff für den Roman Triumph über das Tier (Typoskript vorhanden, aber unveröffentlicht), eine Skandinavienreise schloß sich 1932 an, und dann war die Zeit für das Zweite Hominidissimus-Experiment reif.

Längst hatte er erkannt, daß die braune Flut nicht von der Staatsmacht fernzuhalten war, und richtete seine Opposition darauf ein. Dem Polizeifunktionär und späteren Widerstandskämpfer im Gestapogewand Oskar Fiedler diktierte er eine beißend-polemische Parodie auf das Horst Wessel-Lied (Das Geheul nach dem Heil), und der Freund sorgte für ihre 10.000-fache Verbreitung in Berlin. Nach der Machtver­grei­fung der Nationalsozialisten („Tratschional-Kotzialisten“) war er bald im Visier örtlicher Parteibonzen in Kochel und Bad Tölz und Walchensee, denn er gewährte Verfolgten zeitweise Asyl, bis sie emigrieren konnten (Familie Feuchtwanger), und unterstützte bedrohte Bibelforscher aus der Nachbarschaft finanziell und verhalf ihnen zur Flucht über die Alpen.

Das Zweite Hominidissimus-Experiment begann mit einer seeligerschen Provokation. Als Flaggenschmuck zum 1. Mai 1933 hängte er ein winziges Fähnchen aus braunem-Pack-Papier ans Gartentor mit einer Spottinschrift auf die örtlichen NS-Größen in Walchensee und Kochel. Nach einigen Possen-Szenen wurde gegen Seeliger Schutzhaftbefehl erlassen, und wieder spielte er im Amtsgericht Bad Tölz eine mehrwöchige dreiste Häftlingsschwejikiade vor und protokollierte auf der Schreibmaschine alle Vorgänge mit. Die Farce endete mit Seeligers „Entschutzhaftung“, er verkaufte sein Haus AVALUN und zog sich vor der drohenden erneuten Verhaftung durch die Gestapo für kurze Zeit in die Schweiz zurück. Neue Begegnungen in Zürich brachten ihm die Bekanntschaft mit Roda-Roda, dem Verleger Goldmann und mit dem PanEuropäer Graf Coudenhove-Kalerghi. Oskar Fiedler bewog ihn schließlich zur Rückkehr nach Hamburg und verschaffte ihm eine zurückgezogene Existenz mitten in der Hansestadt.

Als Mitglied des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller wurde Seeliger zunächst in die Reichsschrifttumskammer zwangsintegriert. Dann entdeckten die völkischen Stammbaumschnüffler die nichtarische Herkunft seiner Frau und schlossen ihn am 9. Mai 1936 aus der RSK aus. Die meisten seiner Bücher wurden indiziert, fortan durften nur die politisch unverfänglichen Unterhaltungsromane erscheinen. Neues von Seeliger wurde nicht gedruckt. Ab 1939 betrieb Seeliger die Aufhebung des Publikationsverbots und die Wiederaufnahme in die RSK, aber erst, als man den Unterhaltungs- und Propagandawert des Peter Voß wiederentdeckte und die dritte Verfilmung plante (mit Viktor de Kowa und Karl Schönböck), nahm man ihn wieder auf. Der Film wurde 1945 gedreht, Seeligers „brisante“ Bücher blieben verfemt. 1940 siedelte er wegen der Bombenangriffe , des „Feuersturms“, auf Hamburg nach Cham/Opf. über, holte 1942 auch seine Frau nach und lebte unter eingeschränkten Verhältnissen bei Verwandten. Gute Freunde versorgten ihn mit dem Lebensnotwendigen. Hier erfuhr er vom Gastod einer Schwägerin in Auschwitz, von der Ermordung eines Schwagers in Dachau und von der Einlieferung seines Sohnes ins KZ Schelditz/Rositz in Thüringen. Er selbst blieb vor Belästigungen bewahrt dank dem Einfluß seiner Chamer Freunde und auch durch den „Jagdschein“ aus dem Jahre 1922.

Nach Kriegsende versuchte Seeliger, literarisch wieder an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen, aber die zwölfjährige Unterbrechung hatte dem 68-Jährigen das Publikum geraubt. Andererseits hatte die Zeit des erzwungenen Schweigens ihm die Muße verschafft, sich mit neuen Gegenständen zu beschäftigen. In seinem kurzzeitigen Schweizer Exil hatte er geistige Bekanntschaft mit dem Erzhumanisten Erasmus von Rotterdam gemacht; nun lebte er sich immer tiefer in die Geisteswelt von Renaissance, Humanismus und Reformation ein und empfand die großen Gestalten dieser Epoche zunehmend als Symbolfiguren dessen, was er selbst erstrebte: Weltbürgertum, Überwindung von Spaltungen und Grenzen, Einigung der Menschen in einer weltumspannenden Friedensbewegung – die Welteidgenossenschaft.

Erasmus wurde zur Zentralgestalt seines Denkens und Schreibens, ihn wählte er auch zur Hauptfigur seines letzten Romans Schuß ins Schisma, Roman der Weltentwaffnung (auch: Sophias Fehltritt mit Erasmus oder: Jedem Wahne seine Fahne). Das über 800 Manuskriptseiten umfassende opus magnum befand sich bereits im Prozeß der Veröffentlichung, als dies infolge einer unverständlichen Intervention seitens der Rechtevertreter unterbunden wurde. Die nur fragmentarisch überlieferte romanhafte Autobiographie Messias Humor. Roman der Machtmagie oder Die Entlarvung der Horden (auch: Die Welteidgenossenschaft) dagegen konnte in einer kommentierten und sorgsam ergänzten Fassung 2006 im Druck erscheinen. Ein dritter Roman Lamm wird Trumpf. Sieben Metatrickfilme über die gekommenen wie über die kommenden Dinge (auch: Karins sieben Kavaliere oder: Nordatlantisches Kaleidoskop) ist als Ganzes verschollen und nur in einer broschierten Vorstudie erschienen. Das Deutsche Dekamerone wurde provisorisch fertiggestellt und war als komplette Version zur Herausgabe vorgesehen.

In der neuentstandenen Demokratie der Bundesrepublik setzte der unermüdliche Zettler seine poetisch-kritischen Waffengänge gegen die wiedergekehrte Reaktion in der Adenauer-Zeit der fünfziger Jahre fort. Das Dritte Hominidissimus-Experiment, 1931 in New York anläßlich der Gründung eines „Messias-Fonds“ für das Jahr 1957 vorausgesagt, sollte den Boden bereiten für einen „humorigen Weltskandal“, an dessen Ende Seeligers Wiedereintritt in das literarische Geschehen der Gegenwart stehen sollte. Die barocken Schelmenromane Vielgeliebte Falsette und Junker Schlörk wurden neu aufgelegt und prompt von behördlichen Sittenwächtern und Moralhütlern aus Aschaffenburg und Düsseldorf indiziert bzw. beschlagnahmt.

Am 10. April 1953 ließ das Landgericht Aschaffenburg („Arsch-Affenburg“) das Verlagshaus des Main-Echo, das die beiden Romane in Folgen abgedruckt hatte, richterlich durchsuchen und Exemplare der beiden Bücher beschlagnahmen; ein Verfahren wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften sollte folgen. Der Dörner-Verlag Düsseldorf verwahrte sich in einem vielseitigen detaillierten Gutachten gegen den Vorwurf, der Junker Schlörk sei eine jugendgefährdende und unzüchtige Schrift, Seeliger griff mit polemischen Briefen ein und gestaltete den Vorgang zu dem, was er hatte haben wollen: zur Demaskierung der staatlichen Zensurbehörden als spießige, kunstfremde und humorwidrige Institution ohne Sachverstand. Das Jahr 1957, von Seeliger als Startjahr für die „Paradies-Aktiengesellschaft zur Entfesselung eines humorigen Weltskandals“ ausersehen, sah den Achtzigjährigen unermüdlich am Planen und Projektieren für die Herausgabe seiner Alterswerke und einer Gesamtausgabe. Die Regale voller Manuskripte und den Kopf voller Ideen – so apostrophierte ihn die Wochenzeitung Der Schlesier noch im November 1958 als „Junger Mann von 81 Jahren“. Der humorige Weltskandal sollte ihm, mit selbstironischem Augenzwinkern vermeldet, die Nobelpreise für Literatur und für Frieden auf einmal eintragen: „Wenn ich erst die beiden Nobel-Preise habe, dann können mich die glorreichen Horden alle mal...“.

Die Folgen eines unglücklichen Sturzes beendeten am 8. Juni 1959 sein Leben und Planen. Der humorige Weltskandal fand nicht statt, und so bleibt nur die Erinnerung an die drei Hominidissimus-Experimente, und vor allem an die ProvinzJuxtizkomödie beim Erscheinen des Handbuch des Schwindels im Jahre 1922.

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Das Handbuch des Schwindels ist ein Lexikon von Adam bis Zwist und nimmt beinahe alles auf die satirische Schaufel, was in irgendeiner Form der Gewaltentfaltung diente oder dient. Es ist ein Buch zum Schmunzeln und Ärgern, zum Kopfschütteln und Anstoßnehmen, aber auch zum Entdecken und Nachdenken, wobei man immer mit einem Fuß im Jahre 1922 stehenbleiben muß, will man ihm gerecht werden. Es hat Stärken und Schwächen, es verbindet gedankliche Kühnheit mit unkonventionellen Einsichten, und es enthält Verirrungen und Fehlgriffe im Urteil über Einrichtungen (Tierschutzverein, Vivisektion) und Personen (Karl Kraus, Siegfried Jacobson; Zigeuner). Das ist zum Teil literarisches Kollegengezänk, Tagespolemik in aufgeregter Zeit.

Nicht die einzelnen Vokabeln oder Artikel, für sich genommen, sind es, worauf es ankommt; das Buch als Ganzes ist Satire, und als solche ist es durchsetzt mit Wahrheiten, die wehtun, aber auch mit Verzerrungen, die wohltun, wenn sie erhellend wirken. Seeliger kuscht vor nichts und niemand, nicht vor Staat, Kirche, Militär, Macht oder Geld. Er untersucht sie mit der Sonde des Intellekts, seziert sie mit sicherem Schnitt, führt die Bestandteile auf ihren wahren Ursprung zurück, kommentiert sie mit ätzender Schärfe, wann immer er entdeckt, daß ein Schwindel im Spiel war oder ist.

Es ist Legion, was er an Schwindeleien in der Welt und ihrer Geschichte entdeckt und entlarvt. Altar und Anarchismus, Antisemit und Apostel, Armee und Behörde, Bischof, Börse und Bismarck, Cölibat und Cicero, Fahne und Führer, Hakenkreuz und Hindenburg, Götter, Lehrer und Gymnasium, Heiliger Geist und Regierung, Latein, Tyrann und Standesamt – weit über tausend Vokabeln trachtet er rüttelnd und schüttelnd auf den Urgrund zu kommen. Er hobelt mir grimmiger Freude, daß die Letternspäne fliegen, er richtet den Zeigefinger nicht moralisierend, sondern wegweisend dorthin, wo das Übel sitzt, und dreht mit der anderen Hand eine Nase dazu. Da wird die Staatsgewalt flugs zur Staatsvergewalt, es bleibt nicht beim Wortspiel, sondern es wird gedreht und gewendet, zerlegt und neu zusammengefügt. Seeliger preßt dem Wort zahllose Kreuz- und Querverbindungen ab, bis aus dem Papst urplötzlich der römische Kalif wird. Welcher historisch Bewanderte kann, wenn er nachdenkt – und das soll er ja – dem katholischen Oberhaupt diese Funktion ernsthaft absprechen?

Die Sprache ist dem ehemaligen Lehrer ein unermeßliches Tummelfeld. Mit Lust und Schadenfreude kobolzt er im deutschen Wortschatz herum, luchst jedem unschuldigen Substantiv eine vorder- wie hinterlistige Zweideutungsnuance ab und kopuliert es im Handumdrehen mit seinem Gegenteil, solcherart ein überraschend neues Wortungetüm zeugend, das dem Bereitwilligen alle Arten des Lachens entlockt, vom leisen Schmunzeln bis zum homerischen Urgelächter. Er verquirlt Silben und Wortstämme, garniert sie mit scheinbar deplazierten Vorsilben und Endungen, nimmt den Klang von Fremdwörtern wörtlich zu deren spitzfindiger Exegese her und macht aus einem Byzantiner einen Aar-schlecker, mit dem Querverweis: s. Adler. Er versauerteigt die deutsche Sprache mit so diebischer Lust am Verqueren, daß den Hütlern der Sprachrichtigkeit die Perücken ergrauen.

Dabei hält er die Grenzen zwischen Ernsthaftigkeit und ironischer Brechung so verschwommen, daß der Leser oft nur mühsam den ausgelegten Leimruten entgeht. Manches kommt mit hauruckhafter Seriosität daher, während der Autor im Hintergrund genüßlich und augenzwinkernd auf die Reaktionen zu lauern scheint. Und auf der letzten Seite entläßt er den Leser mit einem letzten verunsichernden Verleitspruch: „Wer dieses Buch ernst nimmt, der will, daß ich mich über ihn lustig mache.“

Ein Großteil der seeligerschen Ironie funktioniert metaphorisch, angefangen vom „Zweihänder“ oder „Stoffwechsler“ für Mensch über den „Pflastertrampler“ (Großstädter) und den „Denkfurchenzieher“ (Lehrer) bis zur „Volksmolkerei“ (Regierung). Das Feuilleton wird zum „schwarzweißkünstlerischen Blätterteig“ und der Sport zum „schweißtreibenden Arbeitsersatz“. Eine andere Funktionsweise lebt von der unmittelbaren Konfrontation von Antinomien. „Laster“ wird mit „Tugend“ erklärt und der offenbare Widerspruch so aufgehoben: „Der zum Lasttragen Taugliche wird vom Belaster für tugendhaft gehalten. Was beim Sklaven als L. gilt, wird beim Herrn zur Tugend und umgekehrt“, quod erat demonstrandum, und die Logik schlägt Purzelbäume. Desgleichen wird der Optimist zum Pessimisten vice versa, und jede Opposition ist zunächst einmal Position. Es versteht sich, daß Selbstironie und Selbstpersiflage zum Humorkonzept Seeligers gehören. Nicht nur, daß er sich selbst in einem eigenen Artikel liebevoll durch den Kakao zieht – wohl ein Unikum in der Lexikographie –, er zitiert in pseudowissenschaftlicher Manier sich und seine Bücher in absonderlichen Zusammenhängen (s.Zeitung, Unsterblichkeit) – Ausdruck des Lustprinzips Humor; mit Werbung in eigener Sache hat das nichts zu tun.

Mit Vorliebe bedient sich Seeliger der Hyperbolik. Seine absoluten Superlative häufen sich so, daß sie jedes aufkeimende Pathos ersticken oder in den infantilen Übertreibungsgestus eines Märchenonkels überführen. So gerät fast jede übertriebene, aber betont seriös daherkommende Aussage ins Zwielicht des Unernstes. Die Wichtigkeitsgrade überirdischer (göttlich = höchst übermenschlich) wie irdischer Phänomene (Seeliger = der allergewöhnlichste Mensch) relativieren sich damit von selbst und begegnen sich friedlich im irdischen Lustgarten des messianischen Humors.

Häufig stellt Seeliger assoziative Verknüpfungen durch simple Querverweise im seriösen Lexikonstil her. Dadurch bringt er konträre Begriffe in scheinbar enge gehaltliche Verbindung zueinander und erstellt, durch betontes Aussparen erhellend, ganze Komplexe polemischer Anspielungen. Ein Beispiel: „Verhetzung, ... (s.Herrschaft, Hetzer, Strafgesetzbuch, Steckbrief, Politik, Partei, Semit, Antisemit, Ritualmord, Dietrich Eckart).“ Spielerischen Charakter hat Seeligers ironische Hilfestellung „zur Erleichterung des Richtigdenkens“, wonach der Leser für die Vorsilbe „un-“ nur die Silbe „Staats-“ zu setzen habe, um „richtiggedachte“ Begriffe zu erhalten. Auf diese Weise entstehen Kombinationen wie Unrecht = Staatsrecht, Unrat = Staatsrat, Unwesen = Staatswesen, unzweckmäßig = staatszweckmäßig, unmäßig = staatsmäßig – eine Sprachspielerei, deren Witz darin besteht, daß sie ad libitum getrieben werden und bei reicher Phantasie zu perfiden Begriffsbildungen führen kann, wie etwa Unmensch = Staatsmann.

Seeligers Grundpositionen werden erst nach eingehender Lektüre des Handbuchs deutlich und erschließen sich ganz nur bei Kenntnis seiner sogenannten „Weltromane“. Auf einige zentrale Themen sei mit wenigen Worten hingewiesen: Freie Menschheit auf freiem Boden, freies Wort in einer Gesellschaft freier Individuen, ungesperrter, d.i. schwindelfreier Umgang miteinander, eine Welt ohne Grenzen und Sperren, Friede und Gewaltfreiheit, Humor und richtiges Denken als Blutströme des menschlichen Organismus – Dutzende kleinerer und größerer Steinchen ließen sich herausklauben aus dem Mosaik seiner wohlkomponierten Utopie, deren Elemente einer jeden demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung zugrunde liegen müssen, sollen sie wenigstens in der Theorie glaubwürdig sein. Seeligers Modell einer Menschheit sieht als Katalysator ein Lustprinzip vor, das imstande sein könnte, Utopien in Wirklichkeit überzuführen, nämlich den „Messias Humor“.

Das Handbuch des Schwindels, dies sei nochmals betont, ist und bleibt eine Kuriosität aus dem Jahre 1922. Es will weder ein Weltverbesserungsprogramm liefern noch ein Modell für die Erlösung der leidenden Menschheit sein. Das wäre Ideologie und Seeliger höchst zuwider. Das Handbuch des Schwindels als Teil des Ersten Hominidissimus-Experimentes ist einer der vielen Versuche des Rathauer Don Quijote im verbalen Kampf gegen hochmögende Maulkorbflechterei und Denksperrung, die Welt mit Geist und Humor ein wenig bewohnbarer machen zu helfen. Deshalb muß das Buch als Ganzes genommen werden, mit Einband, Vorspann und Titel, mit den schlitzohrigen Beitritts- und Überweisungsformularen im Anzeigenteil und mitsamt dem verfremdeten Jesus-Logisma: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider sich“, denn gerade in solchen Details hat der „Alte Hexenmeister“ und „Richtige Liebe Gott“ Seeliger deutliche Hinweise zum rechten Verständnis seines Buches untergebracht. Wer dieses letztlich ernster nimmt, als sein Autor es sich wünscht – wie die bayerische Justiz von 1922 – dem fehlt wahrlich „die Fähigkeit, lachen zu machen und die Lebenslust zu erhöhen“ (s.Humor). Den aber, so scheint mir, hat gerade unsere Zeit dringend nötig, den behaglichen wie den bitteren, den feinen wie den drastischen, und nicht zuletzt eine kosmische Portion Galgenhumor.